Julian Barnes warnt vor Orwells Albtraum und fordert Europas Einheit gegen die Supermächte
Anna KrauseJulian Barnes: '1984' ist jetzt Realität - Julian Barnes warnt vor Orwells Albtraum und fordert Europas Einheit gegen die Supermächte
Mit 80 Jahren und einer Krebsdiagnose konfrontiert, hat Julian Barnes seine letzten Gedanken zu einer Welt geteilt, die er als Spiegel von George Orwells 1984 betrachtet. Bei der Eröffnung der Lit.Cologne las der gefeierte Autor aus seinem neuen Buch Abschied(e) und warnte vor drei dominanten, von Paranoia geprägten Mächten: China, Russland und Amerika. Seine Worte fallen in eine Zeit, in der sich die politische Landschaft Europas seit dem Kalten Krieg dramatisch gewandelt hat.
Barnes argumentierte, Orwells dystopische Vision habe sich bewahrheitet – die Welt werde heute von autoritären und instabilen Blöcken regiert. Besonders hob er Donald Trump hervor, den er als unwissend bezeichnete und dessen Aufmerksamkeitsspanne mit der eines Goldfischs verglich. Seine Kritik richtete sich jedoch nicht nur gegen die USA: Er mahnte Europa, der Zersplitterung zu widerstehen und die Einheit innerhalb der EU zu stärken.
Europa selbst hat sich seit 1984 verändert, als es zwischen einem von der Sowjetunion dominierten Osten und einem an die USA gebundenen Westen gespalten war. Der Zusammenbruch der UdSSR 1991 beendete diese Teilung, und die EU wuchs bis 2026 von 10 auf 27 Mitglieder an. Wichtige Meilensteine waren der Vertrag von Maastricht, die Einführung des Euro und der Vertrag von Lissabon. Doch bleiben Herausforderungen: von nationalistischen Bewegungen wie dem Brexit 2020 bis zu Russlands Invasion in der Ukraine 2022, die die EU veranlasste, ihre Hilfe zu verdoppeln und Verteidigungsprogramme wie SAFE und EDIP aufzulegen.
Trotz dieser Umbrüche sieht Barnes in Europa einen Gegenpol zu den drei Supermächten. Er betonte die Notwendigkeit einer vertieften Integration und stellte der heutigen multipolaren Realität die starre Dreierkonstellation seiner Warnung gegenüber. Sein letztes Buch, Abschied(e), reflektiert diese Themen, während er sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt.
Barnes' Aufruf zur europäischen Einheit kommt zu einer Zeit erneuter transatlantischer Zusammenarbeit, während sich das Vereinigte Königreich und Kanada angesichts politischer Verschiebungen in den USA enger verbünden. Seine Warnungen unterstreichen einen Kontinent, der weiterhin zwischen autoritären Bedrohungen und inneren Spannungen seinen Platz sucht. Sein letztes Werk steht nun als persönlicher Abschied und politisches Plädoyer zugleich.






