Hans-Günter Thiens neues Buch stellt die Arbeiterklasse radikal infrage
Anna KrauseHans-Günter Thiens neues Buch stellt die Arbeiterklasse radikal infrage
Ein neues Buch von Hans-Günter Thien hat die Debatte über die Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft wieder entfacht. „Die verlorene Klasse“ stellt herkömmliche Vorstellungen infrage, indem es neu definiert, wer heute zur Arbeiterklasse gehört. Erschienen im Westfälischen Dampfboot, einem Verlag, der für seinen sorgfältigen Umgang mit Buchprojekten bekannt ist, knüpft das Werk an marxistische Theorien an, hinterfragt dabei aber alte Annahmen.
Thiens Analyse erscheint zu einer Zeit, in der die Vorstellung einer geschlossenen Arbeiterklasse zunehmend unrealistisch wirkt. Seine Argumente stoßen auf Interesse bei Wissenschaftlern, Aktivisten und politischen Gruppen – darunter auch die linke Partei Die Linke.
Im Zentrum von Thiens These steht, dass die Arbeiterklasse alle Lohnabhängigen umfasst, die ihre Arbeitskraft gegen Kapital verkaufen. Diese Definition geht über das klassische Bild des Fabrikarbeiters hinaus und erkennt eine weitaus größere Gruppe an. Er betont, dass Klassenidentität aus dem Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit entsteht – nicht allein aus Beruf oder Einkommen.
Das Buch setzt sich kritisch mit zwei einflussreichen sozialwissenschaftlichen Werken auseinander: Oliver Nachtweys „Die Abstiegsgesellschaft“ und Stephan Lessenichs „Nebensache“ (Originaltitel: „The Flood Next Door“). Thien hinterfragt deren Deutungen und weist auf Lücken in der Analyse von Klassendynamiken hin. Sein eigener Ansatz berücksichtigt, dass die Erfahrungen und Einstellungen von Arbeitnehmern oft mit traditionellen marxistischen Erwartungen kollidieren – eine Erkenntnis, die bereits in Erich Fromms früheren Studien zur Psychologie der Arbeiterklasse angelegt war.
Ein zentrales Problem, das Thien aufzeigt, ist das Fehlen eines gemeinsamen Klassenbewusstseins. Zwar bleibt die Lohnabhängigkeit bestehen, doch die Interessen und Motivationen der Arbeitnehmer sind heute zersplittert. Diese Fragmentierung erschwert kollektives Handeln. Für Die Linke bedeuten die Erkenntnisse des Buches, dass die Partei diese Unterschiede verstehen muss, wenn sie echten gesellschaftlichen Wandel vorantreiben will.
Der Verlag Westfälisches Dampfboot, hinter „Die verlorene Klasse“, steht für langfristig angelegte Projekte statt für profitorientierte Veröffentlichungen. Die sorgfältige Entstehung des Buches spiegelt diese Haltung wider und verleiht Thiens provokanten Thesen zusätzliches Gewicht.
Thiens Werk entwirft ein frisches, wenn auch komplexes Bild der Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert. Es verwirft die Idee eines einheitlichen, revolutionären Proletariats und zeigt stattdessen eine zersplitterte Gruppe mit unterschiedlichen Anliegen. Für politische Bewegungen wie Die Linke könnten die Argumente des Buches künftige Strategien prägen – vorausgesetzt, sie finden Wege, mit der Realität einer gespaltenen Arbeitnehmerschaft umzugehen.
