Deutschsprachiges Theater in der Sinnkrise: Wo sind die großen Visionen geblieben?
Maximilian MaierDeutschsprachiges Theater in der Sinnkrise: Wo sind die großen Visionen geblieben?
Die deutschsprachige Theaterlandschaft steckt in einer tiefen Krise. Noch vor einigen Jahrzehnten geprägt von legendären Persönlichkeiten wie Peter Zadek und Claus Peymann, kämpft die Szene heute mit sinkenden Standards und internen Zerwürfnissen. Aktuelle Kontroversen um das Berliner Theatertreffen und den österreichischen Nestroy-Preis spiegeln die wachsende Unzufriedenheit bei Kritikern und Publikum wider.
Das Berliner Theatertreffen, einst eine angesehene Schau des theatralischen Spitzenbetriebs, hat viel von seinem Renommee eingebüßt. Die diesjährige Auswahl umfasste eine Inszenierung des Hauptmanns von Köpenick aus Cottbus – eine Entscheidung, die wegen ihrer schwachen Begründung und mangelnden historischen Sensibilität scharf kritisiert wurde. Zwar gilt seit Kurzem eine verbindliche 50-Prozent-Quote für Regisseurinnen, doch viele sehen darin eine willkürliche Maßnahme, die einer kleinen, abgeschotteten Gruppe dient, statt künstlerische Qualität zu fördern.
Auch der Nestroy-Preis, Österreichs wichtigster Theaterpreis, leidet unter einem Imageverlust. Zwar gewann Julia Riedler die Auszeichnung als Beste Hauptdarstellerin für Fräulein Else, doch Leonie Böhms Regie stieß auf wenig Gegenliebe. Kay Voges, ehemaliger Direktor des Wiener Volkstheaters, dominierte in diesem Jahr sowohl den Nestroy als auch das Theatertreffen – doch sein Erfolg vermochte es nicht, das Vertrauen in das System wiederherzustellen.
Die Branche insgesamt ringt mit strukturellen Problemen. Einige fordern radikale Reformen: weniger aufwendige Großproduktionen, der Verzicht auf Starbesetzungen zugunsten unbekannter Talente und eine Umverteilung der Subventionen hin zu Mietprojekten und Popkonzerten statt klassischer Stücke. Besonders im postdramatischen Theater hat sich eine selbstreferenzielle Blase gebildet, etwa an Häusern wie den Münchner Kammerspielen, wo Persönlichkeiten wie Matthias Lilienthal großen Einfluss ausüben.
Elfriede Jelinek bleibt eine der letzten großen Stimmen, die das postdramatische Theater verteidigen – eine Strömung, die seit den 2010er-Jahren an Strahlkraft verliert. Ihre Werke wie Bambiland und ihre scharfen Abrechnungen mit dem konventionellen Drama stellen weiterhin den Status quo infrage. Doch selbst ihr Einfluss vermag den Niedergang nicht aufzuhalten.
In Wien liegt die Zukunft des Theaterfestivals nun in den Händen von Milo Rau, der nach dem desaströsen Wirken von Jan Goossens die Leitung übernahm. Die Hoffnung ruht darauf, dass Rau der Veranstaltung in einer zunehmend zersplitterten Kulturlanschaft wieder Relevanz verleihen kann.
Die einstigen Machtzentren des Theaters sind nicht mehr, was sie waren. Institutionen, die jahrzehntelang die Kunstform prägten, sehen sich heute Vorwürfen wie Elitarismus, Fehlentscheidungen und einer Entfremdung vom Publikum ausgesetzt. Ohne grundlegende Reformen dürfte der Verlust an Prestige und öffentlicher Resonanz weiter voranschreiten.