NRW plant verpflichtende Vorschul-Sprachkurse – doch die Kritik wächst
Anna KrauseNRW plant verpflichtende Vorschul-Sprachkurse – doch die Kritik wächst
Nordrhein-Westfalen führt ab 2028/29 verpflichtende Vorschul-Sprachförderklassen ein
Nordrhein-Westfalen plant die Einführung verpflichtender Sprachförderkurse für Vorschulkinder, die als ABC-Klassen bekannt werden, ab dem Schuljahr 2028/2029. Das Programm soll frühkindliche Sprachkompetenzen stärken, stößt jedoch bereits jetzt auf Kritik bei Pädagog:innen und Politiker:innen. Während die Landesregierung auf erfolgreiche Vorbilder aus Hamburg verweist, bleiben zentrale Fragen zur Umsetzung ungeklärt.
Die Initiative orientiert sich an Hamburgs bewährtem Vorstellungsverfahren, einem seit 20 Jahren etablierten System, das die Sprachfähigkeiten von 4,5-jährigen Kindern vor der Einschulung überprüft. Hamburg führt zudem ab 2027 nach der Einschulung standardisierte Tests in Deutsch und Mathematik ein, um gezielt Förderbedarf zu ermitteln. Verantwortliche vor Ort berichten von positiven Effekten auf die frühe Entwicklung. Berlin hingegen kämpft mit seinem LAuBe-Test, der zwar Defizite aufdeckt, aufgrund von Personalmangel aber kaum individuelle Nachbetreuung ermöglichen kann.
In NRW warnen Kritiker:innen vor möglichen negativen Folgen der ABC-Klassen. Maja Wehrmann befürchtet, dass die Herausnahme von Kindern aus ihren gewohnten Gruppen Lernroutinen stören und Stigmatisierungsrisiken bergen könnte. Simone Lammert sieht ein grundsätzliches Problem: Die neuen Klassen könnten ein paralleles System schaffen, statt bestehende Strukturen zu verbessern.
Lokale Politiker:innen monieren vor allem mangelnde Abstimmung. Viele fragen sich, wie das Modell in die aktuellen Rahmenbedingungen integriert werden soll – was die Planungsfähigkeit der Kommunen erschwert. In Solingen etwa unterstützen CDU und Grüne zwar frühkindliche Sprachförderung, setzen aber auf die Stärkung von Kitas statt auf zusätzliche Programme. Die Bildungswissenschaftlerin Jessica Schliewe betont, dass Sprachentwicklung am besten in vertrauten Umfeldern gelingt, wo stabile Bezugspersonen und tägliche Interaktionen bereits Wachstum fördern.
Die praktischen Auswirkungen des Vorhabens stehen ebenfalls in der Kritik. Gegner:innen argumentieren, dass regelmäßiges Herausnehmen von Kindern aus der Kita für Zusatzunterricht mehr schaden als nutzen könnte. Trotz der Vorbehalte sind sich CDU und Grüne landesweit einig über die Bedeutung früher Sprachförderung – uneinig ist man sich jedoch über den richtigen Weg.
Der Vorschlag für die ABC-Klassen geht ohne klare Umsetzungsdetails oder ausgewertete Erfahrungen aus anderen Regionen in die nächste Phase. Kommunen und Bildungseinrichtungen stehen nun vor der Herausforderung, sich an ein System anzupassen, das möglicherweise mit bestehenden Angeboten konkurriert. Die Debatte zeigt: Es geht nicht nur um den Ausbau neuer Maßnahmen, sondern auch um die Frage, wie man bestehende Förderstrukturen wirksam stärken kann.






